Umgang mit Menschen mit Demenz – 11 Tipps

Wie kann man einen Menschen mit Demenz konstruktiv fordern? Wann sollte man ihm zur Hand gehen, wann die Tätigkeit komplett für ihn übernehmen? Was hilft, was schadet, was ist einfach unumgänglich? Diesen Fragen begegnen wir in Zusammenarbeit mit Musikgeragogin Marie Rohde mit diesen 11 hilfreichen Tipps.

Menschen mit Demenz verstehen lernen

Das hört sich natürlich nach einer schwierigen Aufgabe an – ist es auch. Allerdings hilft es schon, wenn man sich folgende Punkte vor Augen hält:

1. Ein Mensch mit Demenz ist trotzdem ein erwachsener Mensch

Trotz seiner Krankheit ist ein Mensch mit Demenz immer noch ein erwachsener Mensch. Deshalb sollten Sie ihn nicht verkindlichen oder, was noch schlimmer ist, zur Sache machen, indem Sie ihn beispielsweise kommentarlos herumschieben oder überhaupt nicht mehr mit ihm sprechen. Auch bevormunden sollten Sie ihn nicht. Begegnen Sie ihm auf Augenhöhe mit echter Empathie.

2. Die Welt eines Menschen mit Demenz macht Sinn

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Das ist eine Grundhaltung, die man sich vergegenwärtigen sollte: In der Welt eines Menschen mit Demenz ergeben seine Taten und seine Gedanken einen Sinn. Oft können Menschen mit Demenz die Gegenwart nicht mehr von der Vergangenheit unterscheiden. Versuchen Sie, sich in ihr Gegenüber hineinzuversetzen; das verleiht dieser Welt eine Berechtigung. Dadurch geht man mit einer ganz anderen Haltung auf diesen Menschen zu, als wenn man ihn schlicht als „dement“ abstempelt und ihn nach unserer normalen Sichtweise bemisst.

Die richtige Kommunikation verwenden

Die Kommunikation fällt Menschen mit Demenz zunehmend schwer. Kognitive Fähigkeiten werden immer weniger und mit dem Alter mindert sich bei vielen Menschen auch das Hör- und Sehvermögen. Außerdem sind viele demenziell veränderte Menschen besonders im Anfangsstadium der Krankheit frustriert, ängstlich oder fühlen sich durch die selbst beobachteten Veränderungen zunehmend hilflos. Das erschwert die Kommunikation ebenfalls. Daher sollte man sich an die folgenden Tipps halten:

3. Einfache und eindeutige Sprache benutzen

Komplexe Sätze und Metaphern, Ironie und Sarkasmus werden von Menschen mit Demenz nicht verstanden. Deshalb sollte man möglichst unkomplizierte Sätze mit einer einzigen Botschaft verwenden. Wichtige Informationen sollten oft wiederholt werden – dabei sollte immer die gleiche Formulierung gebraucht werden, das ist einprägsamer als Variationen. Zur eindeutigen Sprache gehört überdies eine deutliche und langsame Aussprache.

4. Richtig fragen

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Fragen stellen Menschen mit Demenz vor eine Herausforderung. Sie müssen sich entscheiden, sie müssen sich erinnern, sie müssen sich erklären. Einen Großteil der Schwierigkeiten kann man ihnen allerdings durch das richtige Fragen abnehmen:

Ja-Nein-Fragen und Fragen mit wenigen Alternativen

Bei dieser Art von Fragen werden Menschen mit Demenz vor eine sehr einfache Wahl gestellt, weshalb man sie den sogenannten W-Fragen (wie, wer, was, warum…) auf jeden Fall vorziehen sollte.

Beispiel: „Geht es dir gut?“ statt „Wie geht es dir?“

Die W-Fragen eröffnen einen sehr weiten Horizont an möglichen Antworten, daher sollte man sie eher meiden. Auch bei Alternativen sollte man sich auf ein Minimum beschränken.

Beispiel „Möchtest du Apfelsaft oder Orangensaft“ statt „Welchen Saft möchtest du trinken?“

Zeit für eine Antwort lassen

Menschen mit Demenz fällt das Antworten schwer, sie müssen durch den zunehmenden Verlust der Sprache nach den richtigen Worten suchen und diese erst wieder mit Bedeutung versehen, weshalb sie auch viel Zeit dafür brauchen. Diese Zeit sollte man ihnen geben. Ansonsten bringt man sie in Stresssituationen oder läuft wiederum Gefahr, sie zu bevormunden.

5. Positiv kommunizieren

Kritik, Korrekturen, Diskussionen oder Vorwürfe erzielen bei Menschen mit Demenz meistens keinen positiven Effekt. Im Gegenteil, oft bringt es sie in Verlegenheit und frustriert sie. Daher sollte man davon Abstand nehmen. Loben sorgt indes für gute Laune – das ist bei Menschen ohne Demenz ja auch nicht anders.
Vorwürfen seitens des demenziell Veränderten sollte man positiv begegnen. Dem Vorwurf beispielsweise, dass etwas versteckt oder derjenige beklaut wurde, kann man besser begegnen, indem man die Angst nimmt und gemeinsam nach dem Gegenstand sucht, statt abzuwehren.

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Auf Ängste und Frustrationen sollte je nach Situation und Kontext eingegangen und diese ernst genommen werden. „Was kann hinter der Angst stecken?“ „Was braucht mein Gegenüber in dieser Situation?“ sind hilfreiche Fragen, die sich Angehörige stellen können.

6. Auch nonverbal kommunizieren

Neben der sprachlichen Kommunikation sollte immer auch eine deutliche, Körpersprache verwendet werden. Unterstützende und prägnante Mimik und Gestik helfen, die eigene Botschaft deutlicher zu machen und das Verständnis zu erleichtern.

Auch kann man Dinge mitmachen, indem man die Bewegungen des demenziell Veränderten unterstützt, oder man macht sie vor, sodass sie nachgemacht werden können. Wichtig ist es zudem, Blickkontakt zu halten – auch der Blickkontakt drückt eine Wertschätzung und einen Respekt aus, den man dem Menschen mit Demenz entgegenbringt. Er gibt Halt und Sicherheit und ist am Ende der Krankheit oft der einzige Weg, miteinander in Beziehung zu treten.

Fordern und Fördern – wenn angebracht!

Wer aktiv ist, kann sich besser an Erlerntes erinnern und seine Selbstständigkeit beibehalten. Deshalb sollten Menschen mit Demenz konstruktiv gefordert und gefördert werden. Natürlich sollte das den körperlichen und geistigen Fähigkeiten angepasst werden, eine Überforderung sollte immer vermieden werden. Hilfreiche Fragen, die man sich stellen kann, sind: Was kann der- oder diejenige noch gut? Was bereitet Freude? Wo besteht noch das Gefühl der Kompetenz?

7. Den Körper beanspruchen

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Ergotherapie und Physiotherapie sind gute Möglichkeiten, um die Mobilität zu erhalten. Spaziergänge an der frischen Luft soll das Fortschreiten der Krankheit sogar hinauszögern, wie eine kürzlich durchgeführte Studie ergab.

8. Erinnerungen wecken

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Durch das Anregen der fünf Sinne kann man Erinnerungen hervorrufen, die Lebensqualität fördern. Ein Beispiel für eine professionelle Herangehensweise an diese Thematik ist die Musikgeragogik. Über die Musik wird eine Brücke in die Vergangenheit der Menschen mit Demenz geschlagen, die rational nicht mehr herstellbar ist. „Das Hören, Singen oder Tanzen weckt Erinnerungen: Wer bin ich, was kann ich, was habe ich geschätzt, was hat mir Freude gemacht?“ Diese Fragen kann man durch Musik beantworten – wenn man die richtige Musik auswählt, die eine Bedeutung im Leben des Menschen mit Demenz hatte.

9. Die Selbstständigkeit erhalten

Durch regelmäßige Wiederholung bekannter Tätigkeiten können diese länger erhalten bleiben. Sogar das Erlernen von Neuem, nicht zu Komplexem ist in begrenztem Umfang möglich und ist, sofern stetig wiederholt, über längere Zeit abrufbar. Deshalb sollten Menschen mit Demenz alles, was sie noch selbst erledigen können oder wobei ihnen nur ein wenig zur Hand gehen muss, selbst tun.

10. Soziale Kontakte fördern

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Auch das Treffen mit Freunden, die man schon vor der Demenz-Diagnose gekannt hat, wirkt sich positiv auf das Gemüt des Menschen mit Demenz und damit auch auf den Krankheitsverlauf aus. Regelmäßige soziale Kontakte und Tätigkeiten wie kleine Ausflüge oder andere gemeinsame Freizeitgestaltung fördern ein soziales Umfeld, das den Menschen länger aktiv hält. Das trainiert ebenfalls die Selbstständigkeit und führt dazu, dass Erlerntes länger behalten wird.

11. Eigene Überforderung vermeiden

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Wie in jeder Lebenslage, so ist es auch im Umgang mit Menschen mit Demenz wichtig, dass man sich nicht selbst zu sehr übernimmt. Es hilft keinem, wenn man sich völlig aufopfert. Nicht nur vernachlässigt man die eigenen Interessen und Bedürfnisse. Durch dieses Unterlassen baut sich auch eine gewisse Frustration auf, die dann nicht selten am Betroffenen ausgelassen wird – sowohl verbal wie körperlich.

Deshalb ist es angebracht, sich Auszeiten von der Pflege zu nehmen, wenn das möglich ist. Beispielsweise kann man sich von einem Pflegedienst unterstützen lassen. Auch kann man andere Angehörige und oder Partner darum bitten, die Pflege zu einer gewissen Zeit zu übernehmen, damit man seinen Hobbies nachgehen bzw. auch einfach mal nur entspannen kann. So kann man sich dann wieder frisch und erholt um den an Demenz erkrankten Angehörigen kümmern.

Über Marie Rohde: Die selbstständige Musikgeragogin und studierte Musikwissenschaftlerin gestaltet einmal wöchentlich musikalische Gruppenangebote für und mit Bewohnerinnen und Bewohnern von Wohngemeinschaften für Demenzkranke und in Tagespflegeeinrichtungen. Ihr profundes Wissen über demenzielle Veränderungen setzt sie gezielt dabei ein, um Menschen mit Demenz im Pflegealltag mehr Lebensqualität und Wohlbefinden durch musikalisch künstlerisches Gestalten und Handeln zu ermöglichen und durch Musik eine Brücke zu lang zurückliegenden Erinnerungen zu knüpfen.

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